Mitte Dezember vergangenen Jahres habe ich beim Surfen im Internet bei ESYS den Törnplan des ESYS-Kat gefunden. Die ESYS, ein Nautitech 475 Prestige Hochseekat von Dufour, sollte von den Kanaren in das Mittelmeer überführt werden. Eine Fahrt mit einer Segelyacht über den Atlantik war immer schon mein Traum. Die Teilstrecke von Madeira nach Faro war vom 08. bis 24. Mai geplant und es waren auch noch freie Plätze ausgewiesen.
Nachdem ich von meiner Frau, die nicht gerne segelt, "frei" bekommen hatte, meldete ich mich gleich per Fax beim Skipper,Manfred Schneider, an. Ein Problem war, die passenden Flüge zu bekommen. Es schien, als müssten diese noch vor Jahresende gebucht werden, aber ich hatte noch keine Zusage für den Törn. Ich erreichte Manfred per Handy, als er gerade zwischen Gran Canaria und Teneriffa mit dem ESYS-Kat unterwegs war. Er bestätigte mir die Teilnahme und riet mir, die Flüge beim ADAC-Reisebüro in Freising zu bestellen, da die Damen dort viel Erfahrung mit Gabelflügen hätten. Dort waren dann die Flüge auch um einiges billiger als bei Direktbuchung im Internet.
Am Donnerstag, den 8. Mai flog ich von Frankfurt nach Funchal. Vom Flughafen fuhr ich mit dem öffentlichen Bus in die Stadt (2,10 Euro). Leider bin ich ein paar Stationen zu früh ausgestiegen, so dass ich mein Gepäck ziemlich weit schleppen musste. Manfred hatte mir den Liegeplatz der ESYS gut beschrieben. Ich fand sie auch auf Anhieb, obwohl ich das Schiff erst sah, als ich schon fast da war. Sie lag im Päckchen mit einem kleineren Schiff längsseits an der Außenmole der Marina. Ich kam als Letzter an, die anderen waren zum Teil schon einige Tage in Funchal.
Die Mannschaft bestand aus Manfred, dem Skipper, Eva, seiner Frau, Bärbel und Schorschi, die schon früher mit der ESYS gesegelt waren, sowie aus Manfred, Wilhelm und mir. Manfred war schon auf der Strecke von den Kanaren nach Madeira dabei, Wilhelm und ich waren sozusagen neu auf dem Kat. Wir bekamen die Vorderkajüte im Backbordrumpf. Das Platzangebot auf der ESYS ist überwältigend, wenn man bisher nur Monohulls gesegelt hat. Wilhelm wählte die Koje ganz im Vorschiff und ich bekam die Doppelkoje vor dem Mast. Nachdem uns der Skipper mit dem Schiff und den wesentlichen Sicherheitseinrichtungen vertraut gemacht hatte, gingen wir zum Abendessen in ein sehr gutes Lokal.
Am Freitag, den 9. Mai war die Strecke Funchal - Porto Santos, ca. 40 sm, vorgesehen. Ab 8 Uhr warteten wir, bis die Tankstelle frei wurde, wo wir ca. 200 l Diesel übernahmen. Dann ging es ab nach Porto Santos. Kurs NO, Wind NO 5-6 Bft. Wellenhöhe ca. 2,5 m, nicht hoch, aber zu hoch für mich.
Nach ca. 2 Stunden ging es los! Als wir dann nach etwa 10 Stunden Fahrt in die Wellenabdeckung von Porto Santos kamen, hatte ich mehr als 50 mal die Fische gefüttert. Es kann sich wohl jeder vorstellen, dass ich da nicht viel vom Segeln mitbekommen habe. Ich weiß, dass ich nicht so ganz seefest bin, deshalb hatte ich Cinnarizin eingenommen, schon seit drei Tagen morgens und abends jeweils 25 mg. Ich hatte aufgrund früherer Erfahrungen schon vermutet, dass das etwas zu wenig für mich ist. Manfred, der praktischer Arzt ist, riet mir, am nächsten Tag 75 mg zu nehmen und alle 8 Stunden weitere 50 mg nachzuschieben.
Eva musste wegen familiärer Angelegenheiten nach Deutschland fliegen. Wir blieben deshalb am Samstag in Porto Santo, damit Manfred seine Frau zum Flugzeug bringen konnte. Bärbel, Schorschi und ich wanderten in den Ort (ca. 1,5 km) zum Einkaufen und Besichtigen. Na ja, deswegen muss man nicht nach Porto Santos kommen. Es gibt aber zwischen der Marina und dem Ort einen sehr schönen Sandstrand, den Schorschi auch gleich testete. Wasser und Luft ca. 18 Grad C, da lass ich das Baden lieber.
Am Nachmittag gelang es mir, ein wenig Polyester und Härter zu besorgen, um den Schaden am Backbordrumpf abzudichten, damit kein Wasser in das Laminat eindringen kann. Der Schaden stammte von einem Schwimmsteg, an dessen Kopf wir tags zuvor anlegen wollten. Der Steg hat in der Mitte hervorstehende Scharniere, die wir zu spät gesehen hatten. Der dort angebrachte Fender wurde durch die Fahrt des Schiffes weggerollt, so dass das Laminat beschädigt wurde.
Der Chef der Werft - und wohl auch der Marina - schenkte mir den Rest einer kleinen Dose Polyester und eine Tube Härterpaste. Die Leute hier sind sehr hilfsbereit. Am Samstag Nachmittag waren alle Geschäfte und auch die Werft geschlossen. Ein Kellner vom Club Nautico, dem wir unser Problem geschildert hatten, holte mich aus einem anderen Lokal, weil er gesehen hatte, dass der Chef der Werft gekommen war. Am Abend machten wir das Schiff noch seefest. Der Genacker wurde geborgen und an der Fußreling festgebändselt. Wir würden ihn ohnehin nicht gebrauchen können, weil es wieder gegen an gehen würde.
Am Sonntag liefen wir um 9.30 Uhr aus. Nach der Abreise von Eva waren wir zu sechst. Es wurden drei Wachmannschaften gebildet:
1. Bärbel und Schorschi
2. Wilhelm und ich
3. Manfred und Manfred (der Skipper musste für seine Frau antreten).
Der Wachplan sah am Tag jeweils 4 Stunden und in der Nacht drei Stunden Wache für jede Mannschaft vor.
Die 7 Wachen waren:
08.00 Uhr bis 12.00 Uhr
12.00 Uhr bis 16.00 Uhr
16.00 Uhr bis 20.00 Uhr
20.00 Uhr bis 23.00 Uhr
23.00 Uhr bis 02.00 Uhr
02.00 Uhr bis 05.00 Uhr
05.00 Uhr bis 08.00 Uhr
Auf diese Weise kam jede Mannschaft an jedem Tag eine Wache früher dran und man hatte im ungünstigsten Fall 6 Stunden Zeit bis zur nächsten Wache. Das klappte gut und war auch recht angenehm.
Der Wind wehte mit 20 bis 26 kn aus NO, was der in diesem Bereich des Atlantiks im Sommer vorherrschenden Richtung entspricht. Man sollte deshalb, von den Kanaren kommend, besser über die Azoren segeln, weil man dann fast immer mit halbem Wind rechnen kann. Wir waren aber auf Madeira und mussten deshalb genau gegen die Windrichtung. Zunächst segelten wir hoch am Wind auf Backbordbug nach NW. Wir wollten uns von den Schifffahrtslinien entlang der Westküste Afrikas möglichst fern halten.
Der Kat ließ mit Selbstwendefock und Großsegel eine Höhe von 40 bis 50 Grad am Wind zu. Er lief dabei knapp 6 kn. Er rollte fast gar nicht, stampfte aber ziemlich hart in der ungefähr 2,5 bis 3 m hohen Welle. Insbesondere das Einsetzen in die nächste Welle erfolgte sehr hart, viel härter als ich es von konventionellen Yachten gewohnt war. Man hat mir immer erzählt, auf einem Kat rutsche keine Tasse vom Tisch - das stimmt, aber hin und wieder springen die Tassen vom Tisch.
Immer dann, wenn eine große Welle zwischen den Rümpfen hoch kommt, gibt es einen Schlag, als schlüge jemand mit einem schweren Vorschlaghammer von unten gegen den Tischfuß. Ja, und dann springen die Tassen.
Das Cinnarizin wirkte gut. Es war mir zwar nicht besonders wohl, aber ich musste keine Fische füttern. Ich konnte mir nur nicht so recht vorstellen, wie ich bei dieser Stampferei in meiner Koje vor dem Mast schlafen sollte. Wilhelm war da noch viel schlechter dran, weil sich seine Koje ganz vorne im Rumpf befand. Wir hatten vereinbart, dass er, falls es zu schlimm würde, bei mir in der Doppelkoje schlafen könnte. Er hielt aber eisern durch, auch, als es in seiner Koje nass wurde.
Um 16.00 Uhr begann unsere erste Wache. Der Wind hatte leicht zugenommen. Er blies jetzt in den Böen mit 25 bis 26 Kn. Eigentlich hätte man bei 25 Kn Wind das 1. Reff ins Großsegel binden müssen, aber die Böen dauerten nur kurze Zeit und dazwischen flaute es immer auf ca. 20 Kn ab.
Bei einem Monohull ist es recht einfach, den richtigen Zeitpunkt für das Reffen zu erkennen, da das Schiff mit zunehmendem Wind immer schwerer auf Kurs zu halten ist. Nicht so beim Kat. Da merkt man überhaupt nichts. Er wird nur immer schneller, bis das Segel reißt. Und genau das passierte um 17.20 Uhr. Der Windmesser zeigte 26 Kn an. Den Ausschlag gab eine Welle. Das Großsegel riss mit einem kaum hörbaren Schrrr.. knapp unterhalb des 3. Reffs entlang einer Naht vom Achterliek bis zum Vorliek durch. Später sahen wir, dass an dieser Stelle möglicherweise schon einmal nachgenäht worden war.
Wir banden also das 3. Reff ins Groß und segelten danach nur noch mit 3 bis 4 Kn hoch am Wind mit ziemlich großem Ruderausschlag, um die Leegierigkeit auszugleichen. Am Morgen zogen wir Bilanz: wenn wir so langsam weiter kreuzten, brauchten wir doppelt so lang wie geplant bis Lissabon. Wir bargen die Fock und fuhren mit Maschine fast genau gegen den Wind und die Wellen. Immer nur mit einer Maschine, da der Kat mit beiden Maschinen nur etwa einen Kn schneller wäre, aber die doppelte Menge Diesel verbrauchte. Der Skipper führte wegen des Dieselverbrauches genau Buch, wie lange jede Maschine eingesetzt wurde. Später stellte sich heraus, dass wir wegen des Windes und wegen der Wellen viel mehr Diesel brauchten, als die Erfahrungswerte, die hauptsächlich aus Maschinenfahrten bei Flaute stammten, erwarten ließen. Die Maschinen sollten auch möglichst gleichmäßig eingesetzt werden, vor allem, weil die beiden Dieseltanks nicht gekoppelt werden können. Es wurde versucht, immer die Maschine in dem Rumpf laufen zu lassen, in dessen Achterkajüte gerade niemand schlafen musste. So konnten die anderen besser schlafen.
Schlafen ist überhaupt ein Stichwort. Ich konnte mir am ersten Tag überhaupt nicht vorstellen, mich in der Vorderkajüte hinlegen zu können wegen der großen Stampfbewegungen besonders im Vorschiff. Da wir unter Maschine liefen, wollten wir auch möglichst viel Höhe gut machen und fuhren fast genau gegen die Wellen. Im Vorschiff wurde man dabei fast von der Koje abgehoben und im nächsten Augenblick wieder in die Matratze gedrückt - stundenlang.
Man mag es kaum glauben, ich habe geschlafen! Und zwar fast besser als in meinem eigenen Bett. Da hatte ich immer Probleme mit meinem Rücken, mit der Hüfte, kurz, irgendwann drückte immer irgend etwas, bis ich mir ein Wasserbett anschaffte. Als ich kurz vor meiner nächsten Wache (von 2 bis 5 Uhr waren wir wieder dran) aufwachte, tat mir überhaupt nichts weh und ich fühlte mich recht gut ausgeschlafen. Dabei herrschte in meiner Koje ein Höllenlärm. Ich hatte ständig den Eindruck, in der Nebenkoje würden Möbel zerschlagen, Türen geknallt, Treppen auf- und ab gelaufen (mit genagelten Schuhen) usw.
So fuhren wir den ganzen Montag und den Dienstag. Dann zogen wir wieder Bilanz:
Lissabon war mit dem vorhandenen Diesel nicht zu erreichen. Wollten wir mit dem gerefften Groß kreuzen, würden wir mindestens 8 Tage benötigen, fast doppelt so lang wie geplant. Wir entschieden uns, Lagos anzulaufen Das konnten wir hoch am Wind segelnd in weiteren 3 Tagen erreichen. Das Problem war aber: Eva erwartete uns in Lissabon spätestens am Donnerstag Abend. Sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um etwas über unseren Verbleib zu erfahren. Irgendwie mussten wir sie informieren, dass alles ok war, wir nur etwas später ankommen würden.
Der Atlantik ist zwischen Madeira und Portugal ziemlich einsam. In den sechs Tagen haben wir nur 5 Schiffe gesichtet. (Im Verkehrstrennungsgebiet vor Cabo Sao Vincente drängte sich dann aber alles zusammen.) Wir setzten einige "All ships" Anrufe ab, aber ohne Erfolg. Dann sahen wir auf dem Radarschirm etwa 20 sm entfernt ein Echo. Nun riefen wir ganz konkret dieses Schiff: "Cargo vessel at position ...". Nach dem 3. Anruf meldete sich dann der Funker dieses Schiffes. Nachdem wir ihm auseinandergesetzt hatten, um was es ging, erklärte er sich bereit, die Information an Eva weiterzuleiten.
Kurz danach meldete sich ein deutsches Containerschiff, das auf dem Weg nach Lissabon war, und war bereit, den Anruf bei Evas Handy zu machen, falls der Kollege keinen Erfolg haben würde. Der hatte aber Erfolg und teilte uns kurze Zeit später mit, dass er mit Eva gesprochen habe. Vielen Dank dem unbekannten Schiff! Nun konnten wir beruhigt nach Lagos segeln.
Noch etwas zur Seekrankheit. Ich habe am Sonntag morgens gleich 75 mg Cinnarizin genommen und dann alle 8 Stunden weitere 50 mg bis am Dienstag um 2.00 Uhr. Da habe ich nach meiner Wache die letzten 50 mg eingenommen. Danach brauchte ich keine Medikamente mehr. Unten im Schiff wurde es mir zwar anfangs noch etwas übel, aber das war gut auszuhalten. Ab Mittwoch war auch diese Übelkeit vorbei und ich war dann "seefest". Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei Wilhelm bedanken, der während unserer Wache die regelmäßigen Eintragungen in Seekarte und Logbuch übernommen hat. Diese Arbeit war insbesondere in den ersten beiden Tagen sehr unangenehm für mich.
Durch die Maschinenfahrt hatten wir ausreichend Höhe erreicht, so dass wir mit ca. 55 Grad am Wind Cabo do Sao Vincente anliegen konnten. Natürlich war dabei der Pico Gathersburg im Weg, ein Vulkan mitten im Atlantik, über dem die Wassertiefe nur 21 m beträgt. Wir wollten eventuell dort auftretende hohe Wellen vermeiden und mussten deshalb einen kleinen Holeschlag einlegen.
Wir segelten fast die ganze Zeit mit dem Autopiloten im Modus "vane". Den nötigen Strom musste der Windgenerator, ein Air 403 marine mit 1,15 m Rotordurchmesser und einer Maximalleistung von 650 W, liefern. Sollte der Generator nicht genügend Energie bereitstellen, müssten wir halt zeitweise eine Maschine zum Laden mitlaufen lassen. Das erwies sich aber nicht als notwendig. Der Windgenerator lieferte genügend Strom, obwohl neben dem Autopilot noch der Kühlschrank und natürlich die Navigationsinstrumente und -lichter eingeschaltet waren. Dies tat er allerdings nicht leise, sondern mit einer penetranten immer wieder an- und abschwellenden Lautstärke, die eher an eine überdimensionale Wespe erinnerte.
Am Freitag kamen wir in die Nähe des Verkehrstrennungsgebietes, Cabo do Sao Vincente. Wir hatten den Kurs so angelegt, dass wir etwa 3 sm nördlich des VTG das Fahrwasser kreuzen würden. Hier waren die Schiffe wirklich dicht an dicht. Zeitweise waren auf dem 8-sm Radarschirm bis zu 11 Schiffe gleichzeitig zu sehen. Das erste Schiff, ein kleinerer von Norden kommender Frachter, rief uns über Funk an: "You are comming into the trafic separation zone very badly!" Wir antworteten, dass wir gar nicht im Verkehrstrennungsgebiet seien, worauf dann keine Antwort mehr kam. Vielleicht hätten wir unser Ausweichmanöver etwas früher beginnen sollen, da der Frachter ja ausweichpflichtig war. Das war aber die einzige nähere Begegnung. Alle anderen Schiffe passierten in mindestens 3 sm Abstand.
Nachdem wir den Bereich der Küstenverkehrszone erreicht hatten, konnten wir endlich abfallen. Jetzt konnte der Kat seine Stärke zeigen. Trotz 3. Reff im Groß liefen wir bei halbem Wind von ca. 5-6 Bft. mit mehr als 8 Knoten an der Küste entlang. Gegen 18 Uhr legten wir nach 6 Tagen und 5 Nächten am Wartekai der Marina do Lagos an. Dort erwartete uns Eva bereits. Wir blieben auch die Nacht über vor der Fußgängerbrücke, weil der Wind inzwischen auf über 30 Kn aufgefrischt hatte und es daher nicht angebracht war, das Schiff zu verlegen. Das holten wir dann am Samstag Morgen nach.
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