Mit ESYS von Madeira nach Faro

Törnbericht von Hubert Burger

Einleitung

Mitte Dezember vergangenen Jahres habe ich beim Surfen im Internet bei ESYS den Törnplan des ESYS-Kat gefunden. Die ESYS, ein Nautitech 475 Prestige Hochseekat von Dufour, sollte von den Kanaren in das Mittelmeer überführt werden. Eine Fahrt mit einer Segelyacht über den Atlantik war immer schon mein Traum. Die Teilstrecke von Madeira nach Faro war vom 08. bis 24. Mai geplant und es waren auch noch freie Plätze ausgewiesen.
Nachdem ich von meiner Frau, die nicht gerne segelt, "frei" bekommen hatte, meldete ich mich gleich per Fax beim Skipper,Manfred Schneider, an. Ein Problem war, die passenden Flüge zu bekommen. Es schien, als müssten diese noch vor Jahresende gebucht werden, aber ich hatte noch keine Zusage für den Törn. Ich erreichte Manfred per Handy, als er gerade zwischen Gran Canaria und Teneriffa mit dem ESYS-Kat unterwegs war. Er bestätigte mir die Teilnahme und riet mir, die Flüge beim ADAC-Reisebüro in Freising zu bestellen, da die Damen dort viel Erfahrung mit Gabelflügen hätten. Dort waren dann die Flüge auch um einiges billiger als bei Direktbuchung im Internet.
Am Donnerstag, den 8. Mai flog ich von Frankfurt nach Funchal. Vom Flughafen fuhr ich mit dem öffentlichen Bus in die Stadt (2,10 Euro). Leider bin ich ein paar Stationen zu früh ausgestiegen, so dass ich mein Gepäck ziemlich weit schleppen musste. Manfred hatte mir den Liegeplatz der ESYS gut beschrieben. Ich fand sie auch auf Anhieb, obwohl ich das Schiff erst sah, als ich schon fast da war. Sie lag im Päckchen mit einem kleineren Schiff längsseits an der Außenmole der Marina. Ich kam als Letzter an, die anderen waren zum Teil schon einige Tage in Funchal.
Die Mannschaft bestand aus Manfred, dem Skipper, Eva, seiner Frau, Bärbel und Schorschi, die schon früher mit der ESYS gesegelt waren, sowie aus Manfred, Wilhelm und mir. Manfred war schon auf der Strecke von den Kanaren nach Madeira dabei, Wilhelm und ich waren sozusagen neu auf dem Kat. Wir bekamen die Vorderkajüte im Backbordrumpf. Das Platzangebot auf der ESYS ist überwältigend, wenn man bisher nur Monohulls gesegelt hat. Wilhelm wählte die Koje ganz im Vorschiff und ich bekam die Doppelkoje vor dem Mast. Nachdem uns der Skipper mit dem Schiff und den wesentlichen Sicherheitseinrichtungen vertraut gemacht hatte, gingen wir zum Abendessen in ein sehr gutes Lokal.

Der erste Segeltag

Am Freitag, den 9. Mai war die Strecke Funchal - Porto Santos, ca. 40 sm, vorgesehen. Ab 8 Uhr warteten wir, bis die Tankstelle frei wurde, wo wir ca. 200 l Diesel übernahmen. Dann ging es ab nach Porto Santos. Kurs NO, Wind NO 5-6 Bft. Wellenhöhe ca. 2,5 m, nicht hoch, aber zu hoch für mich.
Nach ca. 2 Stunden ging es los! Als wir dann nach etwa 10 Stunden Fahrt in die Wellenabdeckung von Porto Santos kamen, hatte ich mehr als 50 mal die Fische gefüttert. Es kann sich wohl jeder vorstellen, dass ich da nicht viel vom Segeln mitbekommen habe. Ich weiß, dass ich nicht so ganz seefest bin, deshalb hatte ich Cinnarizin eingenommen, schon seit drei Tagen morgens und abends jeweils 25 mg. Ich hatte aufgrund früherer Erfahrungen schon vermutet, dass das etwas zu wenig für mich ist. Manfred, der praktischer Arzt ist, riet mir, am nächsten Tag 75 mg zu nehmen und alle 8 Stunden weitere 50 mg nachzuschieben.

Hafentag in Porto Santos

Eva musste wegen familiärer Angelegenheiten nach Deutschland fliegen. Wir blieben deshalb am Samstag in Porto Santo, damit Manfred seine Frau zum Flugzeug bringen konnte. Bärbel, Schorschi und ich wanderten in den Ort (ca. 1,5 km) zum Einkaufen und Besichtigen. Na ja, deswegen muss man nicht nach Porto Santos kommen. Es gibt aber zwischen der Marina und dem Ort einen sehr schönen Sandstrand, den Schorschi auch gleich testete. Wasser und Luft ca. 18 Grad C, da lass ich das Baden lieber.
Am Nachmittag gelang es mir, ein wenig Polyester und Härter zu besorgen, um den Schaden am Backbordrumpf abzudichten, damit kein Wasser in das Laminat eindringen kann. Der Schaden stammte von einem Schwimmsteg, an dessen Kopf wir tags zuvor anlegen wollten. Der Steg hat in der Mitte hervorstehende Scharniere, die wir zu spät gesehen hatten. Der dort angebrachte Fender wurde durch die Fahrt des Schiffes weggerollt, so dass das Laminat beschädigt wurde.
Der Chef der Werft - und wohl auch der Marina - schenkte mir den Rest einer kleinen Dose Polyester und eine Tube Härterpaste. Die Leute hier sind sehr hilfsbereit. Am Samstag Nachmittag waren alle Geschäfte und auch die Werft geschlossen. Ein Kellner vom Club Nautico, dem wir unser Problem geschildert hatten, holte mich aus einem anderen Lokal, weil er gesehen hatte, dass der Chef der Werft gekommen war. Am Abend machten wir das Schiff noch seefest. Der Genacker wurde geborgen und an der Fußreling festgebändselt. Wir würden ihn ohnehin nicht gebrauchen können, weil es wieder gegen an gehen würde.

Die Überfahrt

Am Sonntag liefen wir um 9.30 Uhr aus. Nach der Abreise von Eva waren wir zu sechst. Es wurden drei Wachmannschaften gebildet:
1. Bärbel und Schorschi
2. Wilhelm und ich
3. Manfred und Manfred (der Skipper musste für seine Frau antreten).
Der Wachplan sah am Tag jeweils 4 Stunden und in der Nacht drei Stunden Wache für jede Mannschaft vor.
Die 7 Wachen waren:
08.00 Uhr bis 12.00 Uhr
12.00 Uhr bis 16.00 Uhr
16.00 Uhr bis 20.00 Uhr
20.00 Uhr bis 23.00 Uhr
23.00 Uhr bis 02.00 Uhr
02.00 Uhr bis 05.00 Uhr
05.00 Uhr bis 08.00 Uhr
Auf diese Weise kam jede Mannschaft an jedem Tag eine Wache früher dran und man hatte im ungünstigsten Fall 6 Stunden Zeit bis zur nächsten Wache. Das klappte gut und war auch recht angenehm.

Der Wind wehte mit 20 bis 26 kn aus NO, was der in diesem Bereich des Atlantiks im Sommer vorherrschenden Richtung entspricht. Man sollte deshalb, von den Kanaren kommend, besser über die Azoren segeln, weil man dann fast immer mit halbem Wind rechnen kann. Wir waren aber auf Madeira und mussten deshalb genau gegen die Windrichtung. Zunächst segelten wir hoch am Wind auf Backbordbug nach NW. Wir wollten uns von den Schifffahrtslinien entlang der Westküste Afrikas möglichst fern halten.
Der Kat ließ mit Selbstwendefock und Großsegel eine Höhe von 40 bis 50 Grad am Wind zu. Er lief dabei knapp 6 kn. Er rollte fast gar nicht, stampfte aber ziemlich hart in der ungefähr 2,5 bis 3 m hohen Welle. Insbesondere das Einsetzen in die nächste Welle erfolgte sehr hart, viel härter als ich es von konventionellen Yachten gewohnt war. Man hat mir immer erzählt, auf einem Kat rutsche keine Tasse vom Tisch - das stimmt, aber hin und wieder springen die Tassen vom Tisch.
Immer dann, wenn eine große Welle zwischen den Rümpfen hoch kommt, gibt es einen Schlag, als schlüge jemand mit einem schweren Vorschlaghammer von unten gegen den Tischfuß. Ja, und dann springen die Tassen.

Das Cinnarizin wirkte gut. Es war mir zwar nicht besonders wohl, aber ich musste keine Fische füttern. Ich konnte mir nur nicht so recht vorstellen, wie ich bei dieser Stampferei in meiner Koje vor dem Mast schlafen sollte. Wilhelm war da noch viel schlechter dran, weil sich seine Koje ganz vorne im Rumpf befand. Wir hatten vereinbart, dass er, falls es zu schlimm würde, bei mir in der Doppelkoje schlafen könnte. Er hielt aber eisern durch, auch, als es in seiner Koje nass wurde.

Um 16.00 Uhr begann unsere erste Wache. Der Wind hatte leicht zugenommen. Er blies jetzt in den Böen mit 25 bis 26 Kn. Eigentlich hätte man bei 25 Kn Wind das 1. Reff ins Großsegel binden müssen, aber die Böen dauerten nur kurze Zeit und dazwischen flaute es immer auf ca. 20 Kn ab.

Bei einem Monohull ist es recht einfach, den richtigen Zeitpunkt für das Reffen zu erkennen, da das Schiff mit zunehmendem Wind immer schwerer auf Kurs zu halten ist. Nicht so beim Kat. Da merkt man überhaupt nichts. Er wird nur immer schneller, bis das Segel reißt. Und genau das passierte um 17.20 Uhr. Der Windmesser zeigte 26 Kn an. Den Ausschlag gab eine Welle. Das Großsegel riss mit einem kaum hörbaren Schrrr.. knapp unterhalb des 3. Reffs entlang einer Naht vom Achterliek bis zum Vorliek durch. Später sahen wir, dass an dieser Stelle möglicherweise schon einmal nachgenäht worden war.

Wir banden also das 3. Reff ins Groß und segelten danach nur noch mit 3 bis 4 Kn hoch am Wind mit ziemlich großem Ruderausschlag, um die Leegierigkeit auszugleichen. Am Morgen zogen wir Bilanz: wenn wir so langsam weiter kreuzten, brauchten wir doppelt so lang wie geplant bis Lissabon. Wir bargen die Fock und fuhren mit Maschine fast genau gegen den Wind und die Wellen. Immer nur mit einer Maschine, da der Kat mit beiden Maschinen nur etwa einen Kn schneller wäre, aber die doppelte Menge Diesel verbrauchte. Der Skipper führte wegen des Dieselverbrauches genau Buch, wie lange jede Maschine eingesetzt wurde. Später stellte sich heraus, dass wir wegen des Windes und wegen der Wellen viel mehr Diesel brauchten, als die Erfahrungswerte, die hauptsächlich aus Maschinenfahrten bei Flaute stammten, erwarten ließen. Die Maschinen sollten auch möglichst gleichmäßig eingesetzt werden, vor allem, weil die beiden Dieseltanks nicht gekoppelt werden können. Es wurde versucht, immer die Maschine in dem Rumpf laufen zu lassen, in dessen Achterkajüte gerade niemand schlafen musste. So konnten die anderen besser schlafen.

Schlafen ist überhaupt ein Stichwort. Ich konnte mir am ersten Tag überhaupt nicht vorstellen, mich in der Vorderkajüte hinlegen zu können wegen der großen Stampfbewegungen besonders im Vorschiff. Da wir unter Maschine liefen, wollten wir auch möglichst viel Höhe gut machen und fuhren fast genau gegen die Wellen. Im Vorschiff wurde man dabei fast von der Koje abgehoben und im nächsten Augenblick wieder in die Matratze gedrückt - stundenlang.
Man mag es kaum glauben, ich habe geschlafen! Und zwar fast besser als in meinem eigenen Bett. Da hatte ich immer Probleme mit meinem Rücken, mit der Hüfte, kurz, irgendwann drückte immer irgend etwas, bis ich mir ein Wasserbett anschaffte. Als ich kurz vor meiner nächsten Wache (von 2 bis 5 Uhr waren wir wieder dran) aufwachte, tat mir überhaupt nichts weh und ich fühlte mich recht gut ausgeschlafen. Dabei herrschte in meiner Koje ein Höllenlärm. Ich hatte ständig den Eindruck, in der Nebenkoje würden Möbel zerschlagen, Türen geknallt, Treppen auf- und ab gelaufen (mit genagelten Schuhen) usw.

So fuhren wir den ganzen Montag und den Dienstag. Dann zogen wir wieder Bilanz:
Lissabon war mit dem vorhandenen Diesel nicht zu erreichen. Wollten wir mit dem gerefften Groß kreuzen, würden wir mindestens 8 Tage benötigen, fast doppelt so lang wie geplant. Wir entschieden uns, Lagos anzulaufen Das konnten wir hoch am Wind segelnd in weiteren 3 Tagen erreichen. Das Problem war aber: Eva erwartete uns in Lissabon spätestens am Donnerstag Abend. Sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um etwas über unseren Verbleib zu erfahren. Irgendwie mussten wir sie informieren, dass alles ok war, wir nur etwas später ankommen würden.

Der Atlantik ist zwischen Madeira und Portugal ziemlich einsam. In den sechs Tagen haben wir nur 5 Schiffe gesichtet. (Im Verkehrstrennungsgebiet vor Cabo Sao Vincente drängte sich dann aber alles zusammen.) Wir setzten einige "All ships" Anrufe ab, aber ohne Erfolg. Dann sahen wir auf dem Radarschirm etwa 20 sm entfernt ein Echo. Nun riefen wir ganz konkret dieses Schiff: "Cargo vessel at position ...". Nach dem 3. Anruf meldete sich dann der Funker dieses Schiffes. Nachdem wir ihm auseinandergesetzt hatten, um was es ging, erklärte er sich bereit, die Information an Eva weiterzuleiten.

Kurz danach meldete sich ein deutsches Containerschiff, das auf dem Weg nach Lissabon war, und war bereit, den Anruf bei Evas Handy zu machen, falls der Kollege keinen Erfolg haben würde. Der hatte aber Erfolg und teilte uns kurze Zeit später mit, dass er mit Eva gesprochen habe. Vielen Dank dem unbekannten Schiff! Nun konnten wir beruhigt nach Lagos segeln.

Noch etwas zur Seekrankheit. Ich habe am Sonntag morgens gleich 75 mg Cinnarizin genommen und dann alle 8 Stunden weitere 50 mg bis am Dienstag um 2.00 Uhr. Da habe ich nach meiner Wache die letzten 50 mg eingenommen. Danach brauchte ich keine Medikamente mehr. Unten im Schiff wurde es mir zwar anfangs noch etwas übel, aber das war gut auszuhalten. Ab Mittwoch war auch diese Übelkeit vorbei und ich war dann "seefest". Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei Wilhelm bedanken, der während unserer Wache die regelmäßigen Eintragungen in Seekarte und Logbuch übernommen hat. Diese Arbeit war insbesondere in den ersten beiden Tagen sehr unangenehm für mich.

Durch die Maschinenfahrt hatten wir ausreichend Höhe erreicht, so dass wir mit ca. 55 Grad am Wind Cabo do Sao Vincente anliegen konnten. Natürlich war dabei der Pico Gathersburg im Weg, ein Vulkan mitten im Atlantik, über dem die Wassertiefe nur 21 m beträgt. Wir wollten eventuell dort auftretende hohe Wellen vermeiden und mussten deshalb einen kleinen Holeschlag einlegen.

Wir segelten fast die ganze Zeit mit dem Autopiloten im Modus "vane". Den nötigen Strom musste der Windgenerator, ein Air 403 marine mit 1,15 m Rotordurchmesser und einer Maximalleistung von 650 W, liefern. Sollte der Generator nicht genügend Energie bereitstellen, müssten wir halt zeitweise eine Maschine zum Laden mitlaufen lassen. Das erwies sich aber nicht als notwendig. Der Windgenerator lieferte genügend Strom, obwohl neben dem Autopilot noch der Kühlschrank und natürlich die Navigationsinstrumente und -lichter eingeschaltet waren. Dies tat er allerdings nicht leise, sondern mit einer penetranten immer wieder an- und abschwellenden Lautstärke, die eher an eine überdimensionale Wespe erinnerte.

Am Freitag kamen wir in die Nähe des Verkehrstrennungsgebietes, Cabo do Sao Vincente. Wir hatten den Kurs so angelegt, dass wir etwa 3 sm nördlich des VTG das Fahrwasser kreuzen würden. Hier waren die Schiffe wirklich dicht an dicht. Zeitweise waren auf dem 8-sm Radarschirm bis zu 11 Schiffe gleichzeitig zu sehen. Das erste Schiff, ein kleinerer von Norden kommender Frachter, rief uns über Funk an: "You are comming into the trafic separation zone very badly!" Wir antworteten, dass wir gar nicht im Verkehrstrennungsgebiet seien, worauf dann keine Antwort mehr kam. Vielleicht hätten wir unser Ausweichmanöver etwas früher beginnen sollen, da der Frachter ja ausweichpflichtig war. Das war aber die einzige nähere Begegnung. Alle anderen Schiffe passierten in mindestens 3 sm Abstand.

Nachdem wir den Bereich der Küstenverkehrszone erreicht hatten, konnten wir endlich abfallen. Jetzt konnte der Kat seine Stärke zeigen. Trotz 3. Reff im Groß liefen wir bei halbem Wind von ca. 5-6 Bft. mit mehr als 8 Knoten an der Küste entlang. Gegen 18 Uhr legten wir nach 6 Tagen und 5 Nächten am Wartekai der Marina do Lagos an. Dort erwartete uns Eva bereits. Wir blieben auch die Nacht über vor der Fußgängerbrücke, weil der Wind inzwischen auf über 30 Kn aufgefrischt hatte und es daher nicht angebracht war, das Schiff zu verlegen. Das holten wir dann am Samstag Morgen nach.


Der Aufenthalt in Lagos

Der Aufenthalt in Lagos fing mit Arbeit an. Das Großsegel musste abgeschlagen werden. Dazu musste es von den Rutschern, die am Vorliek in Höhe jeder Latte angebracht sind, abgeschraubt werden. Danach wurden die Lattenspanner der runden GFK-Latten am Achterliek abgeschraubt und die Latten herausgezogen. (Dazu muss man unbedingt Handschuhe tragen, um die Hände nicht an den herausstehenden Glasfasern zu verletzen.) Auch die Fock kam herunter, weil das Rollsystem klemmte. Beim Aus- oder Einreffen der Fock musste immer das Fockfall vorne am Mast gelöst werden, damit man das Segel aus- oder einrollen konnte.
Am Nachmittag fuhren Eva und Manfred, Bärbel und Schorschi und der "andere" Manfred mit dem Mietwagen nach Lissabon und brachten dabei gleich das Großsegel zur Segelmacherei. Wilhelm und ich blieben beim Schiff. Abends aßen wir in einer italienischen Pizzeria im Zentrum von Lagos, ich eine Pizza Vulkan, ausgezeichnet und schön scharf.

Am Sonntag machten Wilhelm und ich das Dingi fertig und fuhren zu der westlich der Hafeneinfahrt gelegenen Steilküste mit ihren vielen Grotten und verborgenen Stränden. Das war wirklich sehr romantisch. Ich habe sehr viele Fotos gemacht. Leider musste ich dann abends feststellen, dass meine Digitalkamera defekt war. Die letzten einwandfreien Bilder waren die von der Strauchpaeonie in unserem Garten in Dieburg. Alle anderen fast 150 Bilder von Madeira, der Überfahrt und von den Grotten waren unbrauchbar.

Am Montag stand ich um 7.30 Uhr auf und ging gleich zu Blue Water, die einen Techniker wegen der Rolleinrichtung der Fock schicken sollten. Leider standen keine Öffnungszeiten an der Tür und ich wagte nicht, wegzugehen, weil ich unbedingt der erste sein wollte. Erst um 9.30 Uhr öffnete jemand das Büro. Die Sekretärin von Blue Water lobte ihren Techniker über alle Maßen, er kenne die Facnor C46 Rolleinrichtung sehr gut und wisse, was zu tun sei. Ich machte mich dann erst mal über ein ausgiebiges Frühstück her. Wilhelm, der am Abend noch in die Stadt gegangen war, lag noch im Tiefschlaf.

Um 13.30 Uhr rief ich nochmals bei Blue Water an. Sie hätten mich schon nicht vergessen, es komme ganz sicher noch heute jemand vorbei, ob das um 15 Uhr oder erst um 17 Uhr sein werde, könne man aber jetzt noch nicht sagen. Um 15 Uhr kamen dann zwei Leute von Blue Water zum Schiff. Der Jüngere band sich das Fockfall an seinen Bootsmannsstuhl und wollte in den Mast. Ich riet ihm, als Sicherung doch noch ein zweites Fall zu nehmen, was er aber ablehnte. Der zweite Mann wickelte das Fall um die Fallwinsch, wollte aber keine Kurbel. Das war auch gar nicht nötig, denn der Jüngere stieg praktisch ganz aus eigener Kraft hoch. Der zweite Mann musste lediglich das Fall über die Winsch strammziehen. Erst die letzten 30 cm wurden gekurbelt. Nach kurzer Zeit wurde der Techniker wieder herabgelassen. Er brachte leider keinen guten Bericht. Es waren zwei Drähte des Vorstages gebrochen. An diesen Drähten verhakte sich die Fock, wenn das Fall sehr dicht gezogen war. Ein derartiger Schaden sei äußerst selten. Da aber das Vorstag in seiner Integrität gefährdet sei, müsse unbedingt Abhilfe geschaffen werden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Vorstag durch eine Überlastung angebrochen sein sollte. Der Bruch zweier Drähte kann das restliche Fall ja nicht entlasten, sondern führt zu einer Mehrbelastung der restlichen Drähte. Es konnte sich also nur um einen Dauerbruch oder gar um einen Montagefehler handeln. Ich gab den Blue Water Leuten die Unterlagen mit dem Segelriss des Schiffes. Sie notierten sich die erforderlichen Daten und wollten dem Skipper ein Angebot für eine richtig ausgelegte Furlex machen. Danach reinigte ich noch einen kleineren GFK-Riss in der Nähe der Backbord Heckklampe, um ihn dann mit Polyester abzudichten. Der Riss schien mir durch eine Überlastung der Heckklampe entstanden zu sein.

Skipper Manfred wollte mit dem Rest der Crew am Dienstag Nachmittag zurückkommen und das reparierte Großsegel gleich mitbringen. Wenn alles gut ginge, könnten wir das Segel dann noch bei Tageslicht anschlagen und am Mittwoch morgen gleich auslaufen - mit oder ohne neuen Fockroller. Am Dienstag Mittag bin ich mit der Videokamera nochmals in die Stadt gegangen, um wenigstens einen Teil der Bilder von Lagos und den Klippen zu wiederholen. Die Wanderung am Rand der Klippen ist äußerst lohnend. Es eröffnen sich immer wieder beeindruckende Ausblicke auf das Meer und die Strände zwischen den Klippen. Bei Regen oder starkem Seegang sollte man sich vom Rand der Klippen aber besser fernhalten, da dort sehr große Abrutschgefahr herrscht. Stellenweise sieht man, dass der "Weg" bereits weggerutscht ist. Als ich um 14.00 Uhr wieder auf das Schiff zurück kam, zeigte das Thermometer 34 Grad C.

Am Nachmittag kam dann die Lissabon-Crew mit dem reparierten Segel zurück. Wir schlugen es gleich an, was immerhin 1 1/2 Stunden dauerte. Der Skipper hat noch am Dienstag bei Blue Water eine ganz neue Furlex inklusive Stag bestellt, die nach der Auslegung von Blue Water in Schweden hergestellt und per Luftfracht nach Faro geschickt werden soll. Blue Water will dann die Montage am Sonntag in Villamoura durchführen, so dass der nächste Törn planmäßig Montag beginnen kann.


Entlang der Algarve

Am Mittwoch fuhren wir unter Maschine nach Sagres, um in der Bucht zwischen Sagres und Cabo do Sao Vincente zum Baden zu ankern. Das Bad wurde allerdings für die meisten von uns recht kurz, da das Wasser nur 18 Grad C hatte. Nur Manfred, der Arzt, blieb längere Zeit im Wasser und musste sich dann im Schlafsack in die Sonne legen, um wieder aufzutauen. Nach dem "Anker auf" fuhren wir um Sagres herum, um die Nacht vor Anker liegend im Schutz der Mole des Fischereihafens von Sagres zu verbringen. Da nach Küstenführer der Grund in diesem Bereich ziemlich unrein sein soll, brachte ich eine Trippleine am Bügelanker an. Als Boje diente eine leere 5 l Wasserflasche.

In der Nacht hatte der Wind auf Ost gedreht und wir mussten wieder kreuzen (wie könnte es denn anders sein?) Gegen 19 Uhr machten wir am Empfangssteg der Marina Villamoura fest. Wir sollten dann am Kopf des Steges H festmachen, aber dort lag bereits eine größere Motoryacht. Nachdem wir die Marinaleitung über Funk (Kanal 62) verständigt hatten, kamen zwei Marinamitarbeiter und fuhren die Motoryacht weg.
Am Freitag segelten wir, natürlich gegen den leichten Ostwind, nach Faro. Unterwegs besuchte uns eine Schule von fünf Delphinen, die uns eine halbe Stunde lang begleiteten. In die Lagune fuhren wir dann unter Maschine und dann das Fahrwasser entlang bis nach Faro. Dort gibt es nur einen nicht gerade einladenden Industriepier, an dem man zur Not festmachen könnte. Alternativ könnte man etwas weiter nördlich, dann aber direkt unter der Einflugschneise des Flughafens ankern. Wir drehten gleich um und fuhren wieder aus der Lagune in das offene Meer. Meine Hoffnung, nun mit dem Parasail nach Villamoura zurücksegeln zu können, erfüllte sich leider nicht, denn jetzt hatte der Wind wieder auf West gedreht. Da wir sehr spät dran waren, fuhren wir zunächst unter Maschine gegen den leichten Westwind, bis wir Villamoura mit 55 Grad am Wind anliegen konnten. Wenigstens dabei zeigte der Kat, was in ihm steckt. Bei 16 Kn Wind machten wir unter Gennaker und Groß 8,7 Kn Fahrt. Die Segel waren so gut getrimmt, dass der Autopilot überhaupt keinen Ruderausschlag benötigte, um das Schiff auf Kurs zu halten. Wenige Meilen vor Villamoura drehte der Wind dann recht und nahm stark ab, möglicherweise bedingt durch den Landeinfluss. Wir bargen die Segel und legten den Rest des Weges unter Maschine zurück.

Nach dem Anlegen befreiten wir das Schiff noch vom Salz und machten es außen sauber. Wilhelm und die anderen "Spätflieger" erklärten sich dankenswerterweise bereit, das Schiff am Samstag innen zu reinigen. Ich bestellte schon am Freitag Abend ein Taxi für Samstag um 8 Uhr an den Steg H, das mich zum Flughafen bringen sollte ( 27.-Euro).
Am Freitag Abend lud der Skipper zum Captain's Dinner in ein hübsches Lokal im ersten Stock mit Blick über die Marina ein. Zum Fisch, den jeder an einer Theke selbst auswählen konnte, gab es den leichten grünen Wein, der uns schon auf dem Schiff immer so gut geschmeckt hatte. Der Skipper teilte die Meilenbestätigungen aus (es sind 953 Seemeilen geworden) und wir bedankten uns bei ihm für die umsichtige und sichere Schiffsführung.

Ich habe mir mit diesem Törn den lang gehegten Wunsch, einmal wenigstens teilweise über den Atlantik zu segeln, erfüllt und dabei wieder viel gelernt. Der Törn mit dem ESYS-Kat, mit Skipper Manfred und mit dieser netten Crew hat mir sehr gut gefallen. Ich würde da jederzeit wieder mitsegeln.

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Letzte Änderung 29.11.2010